Existentielle Psychotherapie

Dies ist eine unter Psychotherapeuten nur sehr selten vertretene Schule. Der derzeit wichtigste lebende Vertreter existentieller Psychotherapie ist der amerikanische Hochschulprofessor für Psychiatrie Irvin Yalom. Der Öffentlichkeit dürfte dieser Name insbesondere in Verbindung mit seinen beiden in den letzten Jahren erschienenen Romanen "Als Nietzsche weinte" und "Die rote Couch" bekannt sein.

Existentielle Psychotherapeuten versuchen in ihrer Arbeit, mit ihren Patienten zusammen wesentlichen sogenannten "Existentialien" nachzuspüren und deren Bedeutung für die Symptomatik bzw. Probleme des Patienten zu klären. Existentialien sind grundlegende Tatsachen des Lebens, die für mehr oder weniger jeden Menschen eine Rolle spielen. Es handelt sich somit um universell wichtige Themen, mancher Autor spricht auch von den "letzten Fragen". Yalom rückt vier Existentialien in das Zentrum seines Denkens: Freiheit, Isolation, Tod und Lebenssinn.

Freiheit. Mit diesem Existential ist die Abwesenheit äußerer Strukturen und Begrenzungen gemeint. Menschliches Handeln ist in einem gewissen Umfang frei, und aus dieser Freiheit ergibt sich Verantwortung für das eigene Verhalten. Für das Leben eines jeden ist es von Bedeutung, den Bereich persönlicher Freiheit kennenzulernen und für diesen die Verantwortung zu übernehmen; genauso wichtig ist es indes, tatsächlich existierende äußere Schranken wahrzunehmen und sich mit diesen auseinanderzusetzen. Dieses Existential macht deutlich, daß existentielle Psychotherapeuten keinen rein deterministischen Standpunkt vertreten: es ist ein Lebensentwurf möglich, innerhalb dessen persönlicher Freiraum gestaltet werden muß.

Isolation. Eine andere existentielle Grundtatsache ist darin zu sehen, daß wir einander niemals so nahe kommen können, daß nicht doch noch eine letzte Kluft zwischen uns verbleiben würde. Kein Mensch kann mit einem anderen (oder mit irgend etwas anderem) so verschmelzen, daß letzte Grenzen fallen würden, auch wenn wir uns noch so sehr danach sehnen mögen oder alle möglichen Hilfsmittel (z. B. Drogen) dazu verwenden. Es ist das Ziel der Auseinandersetzung mit diesem Existential, an der Tatsache unaufhebbarer Isolation nicht zu verzweifeln und eine entsprechende Lebenseinstellung zu erreichen.

Tod. Der Tod ist das Ereignis im Leben, das mit der größten Sicherheit kommen wird. Welch gewaltige Rolle der Tod in unserem Leben spielt, wird dem unbefangenen Auge sehr leicht deutlich: wir sträuben uns gegen unsere Vergänglichkeit, die Todesangst verbirgt sich hinter zahlreichen äußeren Formen (Facelifting, Extremsportarten, Vitaminpräparate usw.). Existentielle Psychotherapie versucht aufzuzeigen, welche Rolle der Todesgedanke im konkreten eigenen Leben spielt (oder spielen sollte).

Lebenssinn. Wäre man gezwungen, für das Wesen "Mensch" die kürzestmögliche Definition zu geben, so würde man mit dem Begriff "sinnsuchendes Geschöpf" wahrscheinlich nicht allzu falsch liegen. Die meisten von uns suchen in ihrem Leben eine Sinnmöglichkeit bzw. leiden sehr, wenn sie das Gefühl haben, ihr Leben sei sinnlos. Verknüpft man die Sehnsucht nach Sinn mit dem Existential des Todes, so wird unmittelbar einsichtig, warum verschiedenste Religionen für den Menschen eine ungeheure Anziehungskraft haben.

Wie diese Beschreibungen deutlich machen, ist existentielle Psychotherapie nicht durch Methoden definiert, sondern durch ein grundlegendes Menschenbild. Insofern steht existentielle Psychotherapie der Philosophie sehr viel näher als andere Formen der Psychotherapie.

Anders als bei den etablierten Psychotherapieschulen (Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie usw.) gibt es kaum Institutionen, die sich mit existentieller Psychotherapie beschäftigen. Noch am verbreitetsten ist die auf den Wiener Neurologen und Psychiater Viktor Frankl zurückgehende Logotherapie (nicht zu verwechseln mit Logopädie; Logotherapie ist eine Psychotherapieform, Logopädie hingegen ist die Therapie der Stimm- und Sprachstörungen). Die Logotherapie konzentriert sich vollständig auf das letztgenannte Existential des Lebenssinns und entwirft eine Konzeption, nach welcher sich psychische Störungen insbesondere vor dem Hintergrund eines frustrierten Willens zum Sinn entwickeln. Entsprechend setzt die Therapie bei Sinnblockaden an und versucht, diese beseitigen zu helfen bzw. Sinnmöglichkeiten im Leben zu entdecken und zu verwirklichen.

Weder existentielle Psychotherapie im allgemeinen noch Logotherapie oder eine andere existentielle Teilschule im besonderen gehören zu den wissenschaftlich anerkannten und damit auch von den Krankenkassen zugelassenen Verfahren. Die verschiedenen Institute, die man dem existentiellen Zirkel zuordnen könnte, bieten auch keine Therapieausbildungen an, die in vollständigem Umfang zu Psychotherapie qualifizieren würden. Dies sollte man beachten, wenn man jemanden aufsucht, der sich "existentieller Therapeut" (oder ähnlich) nennt und der neben dieser über keine weitere Qualifikation verfügt. Es gibt keinen Grund, davon beispielsweise im Kreise reiner Lebensberatung abzuraten. Sind jedoch manifeste psychische Störungen gegeben bzw. besteht ein entsprechender Verdacht, so sollte unbedingt ein entsprechend qualifizierter ärztlicher oder psychologischer Psychotherapeut aufgesucht werden, um die Notwendigkeit einer anders gearteten Behandlung zu prüfen.

 

Literatur:

Frankl, V.E. (1995). Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Frankfurt: Fischer.

Yalom, I.D. (1989). Existentielle Psychotherapie. Köln: Edition Humanistische Psychologie.

Yalom, I.D. (1999). Die Liebe und ihr Henker & andere Geschichten aus der Psychotherapie. München: btb Taschenbücher.


© A. Noyon (NOV/2000)